Professionelle Identität

Als Schreibcoach zeichnet mich aus, dass ich über wissenschaftliches Wissen verfüge, das ich auf der Grundlage einer ethischen Grundhaltung mit kommunikativen Kompetenzen verbinden kann. Um zu zeigen, was das konkret bedeutet, versuche ich im Folgenden meine professionelle Identität anhand von Beispielen für mein Wissen, Können und meine Haltung zu erklären.

Mit Blick auf das menschliche Leben hat mich die Salutogenese von Antonovsky geprägt. Dabei geht es darum, dass der professionelle Blick nicht ausschließlich auf die Pathogenese gerichtet sein darf, also auf die Entstehung von Krankheiten, sondern komplementär dazu auch auf die Entstehung und Erhaltung von Gesundheit. Im Mittelpunkt steht dabei das Kohärenzgefühl mit seinen drei Elementen, der Verstehbarkeit der Verhältnisse, dem Gefühl von Bedeutsamkeit sowie der Handhabbarkeit der eigenen Situation.

Die Salutogenese ist eng verwandt mit der Ressourcenorientierung, dem Empowerment, der Lösungsorientierten Beratung und dem Motivational Interviewing, alles Theorien, die sich in meinem Inventar wiederfinden. Auch die Theorie der Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch weist sehr grob zusammengefasst darauf hin, dass man Menschen immer mit Respekt zu begegnen hat, da ihr Verhalten für sie persönlich vor dem Hintergrund ihres Alltags und ihrer Geschichte immer Sinn ergibt.

Im Konzept Natürlich Schreiben lege ich deshalb großen Wert auf den Schutz jedes Einzelnen: Niemand muss, jeder kann. Das Ziel von Natürlich Schreiben ist es, einen unbeschwerten Zugang zum Schreiben zu erleben und auf diese Weise die Schreibkompetenz zu stärken. Wenn Schreibende schreiben, weiß man noch lange nicht, was Schreiben für sie bedeutet, geschweige denn, was und wen sie mit ihrem Text erreichen wollen. Jeder Mensch ist anders und verdient erst einmal Wertschätzung und Respekt.

Das Konzept Natürlich Schreiben rechtfertige ich vor dem Hintergrund meiner professionellen Identität und der oben genannten Theorien mit seinem hohen Potential, biologische, soziale und psychologische Ressourcen zu stärken und somit die Gesundheit zu fördern. Außerdem kann es sich unmittelbar positiv auf das individuelle Bewältigungsverhalten auswirken. Genauer:

  1. die biologische Ebene: Bewegung fördert neben dem Gedankenfluss, wie die neurobiologische Forschung und die Kognitionswissenschaft nahelegen, auch die körperliche Fitness und Kondition. Darüber hinaus erhört Bewegung unsere Konzentrationsfähigkeit, steigert unsere Stimmung und wirkt präventiv und intervenierend gegen Rückenschmerzen und andere autorentypische Leiden. Auch der Aufenthalt in der Natur wird von vielen Menschen als gesundheitsfördernd und erholsam wahrgenommen. Die frische Luft fördert unsere Konzentrationsfähigkeit, all unsere fünf Sinne werden beansprucht.
  2. die soziale Ebene: Schreiben wird häufig als selbstbezogene Beschäftigung konnotiert, Schreibgruppen eröffnen eine soziale Dimension. Über die Bewegung durch die Natur und den Bedarf, im Sinne der Erlebnispädagogik gemeinsam Herausforderungen zu bewältigen, müssen Teilnehmende interagieren und erfahren gemeinsam Erfolgserlebnisse. Über weiterführende Angebote wie z.B. Schreibwerkstätten oder Nachtreffen kann auch langfristig ein Ausbau des sozialen Netzwerkes mit stützender Funktion erreicht werden.
  3. die psychologische Ebene: Auch hier finden sich Potentiale für die Aufdeckung, Aktivierung und Förderung von Ressourcen. Es geht dabei neben dem Erlernen von Schreibtechniken auch um die Gruppenerfahrung an sich. Diese wird beim Natürlich Schreiben so gestaltet, dass Herausforderungen positiv bewältigt werden. Wie bereits erwähnt kann dies das Selbstbewusstsein und das Selbstwirksamkeitsempfinden stärken, außerdem hat sie einen positiven Einfluss auf das Kontrollbewusstsein und das Gefühl, Situationen bewältigen und handhaben zu können. Zuletzt kann der Workshop Interessen aufdecken und Ressourcen aktivieren.
  4. das Bewältigungsverhalten: Mit der potentiellen Aktivierung von Ressourcen innerhalb der drei Kraftfelder (Kreatives Schreiben, körperliche Aktivität und Aufenthalt in der Natur) können auch neue Bewältigungsstrategien erschlossen werden. Techniken des Kreativen Schreibens wie z.B. das Freie Schreiben oder das Schreiben in der Gruppe können stresspräventiv wie auch stresslösend wirkend. Auch die Bewegung in der Natur kann einen entsprechenden gesundheitsfördernden Effekt haben und als Bewältigungsstrategie herangezogen werden. Erlernte Techniken können als Verhaltensalternativen in stressigen Situationen herangezogen werden, um bisherige, weniger erfolgreiche Strategien zu ersetzen und das emotionale Gleichgewicht wiederherzustellen.

Natürlich Schreiben hat also neben der Förderung der Schreibkompetenz auch die Förderung der Gesundheit zum Ziel. Das Angebot ist aber immer eingebettet in die sozialen Umstände, es geht also nie nur um die einzelnen Teilnehmenden, sie handeln immer als Teil der Gesellschaft. In diesem zweiten Wissensbereich hat mich besonders die Theorie der Risikogesellschaft von Ulrich Beck begleitet. Sie analysiert postmoderne Gesellschaften und besagt zusammenfassend, dass mit der Pluralisierung der Lebensstile, der Individualisierung von Lebensplanungen und der Erosion kontinuierlicher sozialer Beziehungen ein Verlust verbindlicher Normen und Wertvorstellungen einhergeht.

Meine Arbeit mit Suchtkranken und obdachlosen Menschen unterstrich diese Theorie auf eindrucksvolle Weise, ich hatte das Privileg, an unvorstellbaren Lebensgeschichten teilhaben zu dürfen, die nichts mehr mit einer Normalbiografie gemein haben. Dies wird im Natürlich Schreiben ernst genommen, alle werden akzeptiert wie sie sind, die Schreibgruppe ist ein Sammelsurium unvergleichlicher Lebensgeschichten.

Der dritte Wissensbereich ist die sozialwissenschaftliche Forschung. Meine Bachelor- und Masterarbeit waren empirischer Art, ich habe unterschiedliche quantitative und qualitative Methoden der Sozialforschung angewendet, so u.a. die Fokusgruppendiskussion nach Loos & Schäfer mit einer Interpretation orientiert an den Arbeiten von Bohnsack sowie einem standardisierten Fragebogen nach Bortz & Döring, analysiert nach der Methodik von Mayring.

Beide Arbeiten, meine Bachelorarbeit „Veni vidi vici – Pornografie und die sexuelle Identität männlicher Jugendlicher“ an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Studiengang Soziale Arbeit sowie meine Masterarbeit „Natürlich Schreiben – Potentiale einer Synthese von Kreativem Schreiben und Bewegung in der Natur“ an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin im Studiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ wurden mit der Zensur 1,0 bewertet.

Im Bereich der kommunikativen Kompetenzen wird mein professionelles Handeln im wesentlichen durch drei Methoden geprägt. In der sozialen Einzellfallhilfe, individuellen Beratungsgesprächen und Schreibcoachings orientiere ich mich an den Grundsätzen der Klientenzentrierten Gesprächsführung nach Carl Rogers, da sie den Menschen und nicht seine Probleme in den Mittelpunkt stellt und auf seine Selbstheilungskräfte setzt.

Der zwischenmenschliche Kontakt ist gekennzeichnet durch drei Haltungen: die bedingungslosen Wertschätzung, die Kongruenz und die Empathie. Diese Orientierung hat mir in jeder meiner bisherigen Praxiserfahrungen sehr dabei geholfen, Betroffenen auf Augenhöhe zu begegnen und das Ziel eines Arbeitsbündnisses zumindest ansatzweise zu verwirklichen.

Die Selbstheilungskräfte können durch vieles gestärkt werden, als ein wesentliches Element von Natürlich Schreiben möchte ich an dieser Stelle gesondert auf Achtsamkeitsübungen eingehen. Es dabei nicht um Esoterik, sondern darum, die Aufmerksamkeit bewusst und ohne Wertung auf den gegenwertigen Moment zu lenken. Das Ziel ist, vom Tunnelblick des Alltags wegzukommen und uns selbst zu spüren.

Was passiert in meinem Körper? Was nehme ich mit meinen Sinnen wahr? Wie ist meine geistige Verfassung, was beschäftigt mich? Was macht meine Gefühlswelt? All diese Fragen begleiten uns rund um die Uhr, spielen jedoch im Alltag kaum eine Rolle. Erst wenn etwas nicht mehr funktioniert, wenn wir beispielsweise Rückenschmerzen vom Sitzen bekommen, werden wir darauf aufmerksam. Hier können wir einen Bogen zur Salutogenese schlagen. Es geht darum, was „funktioniert“ und positiv ist, nicht um Mängel oder Unzulänglichkeiten.

In der pädagogischen Gruppenarbeit finde ich die Orientierung an der Methode der Themenzentrierten Interaktion nach Ruth Cohn sehr wertvoll. Im Einklang mit dem humanistischen Menschenbild nach Abraham Maslow nimmt diese Methode des sozialen Lernens den indiskutablen Wert aller Menschen ernst. Dementsprechend gelten auch in den Schreibgruppen des Natürlich Schreibens die Postulate der TZI, nach denen es um die ganzheitliche Wahrnehmung aller Teilnehmenden in ihren Möglichkeiten und Grenzen sowie den Respekt für ihre Lebenswirklichkeit geht.

Praktisch heißt das, dass Störungen Vorrang haben und die Teilnehmenden sowie ihr Geschriebenes wertschätzend behandelt wird. Kritik wird nur geäußert, wenn sie erwünscht ist und selbst dann nur in meiner Begleitung als Gruppenleitung, da Kritik die Gefahr birgt, sprachliche Bewertungsmuster zu betonen, die den Schreibprozess bei unsicheren Schreibenden erst einmal hemmen können.

Im Folgenden möchte ich herausarbeiten, aus welchen Elementen sich meine Haltung als Sozialpädagoge und Schreibcoach zusammensetzt. Bedeutsam für mich ist zum Ersten eine reflexive Grundhaltung als Habitus des systematischen Zweifelns am eigenen Kenntnisstand, den eigenen Prämissen, Bewertungen und Schlussfolgerungen.

In diesem Zusammenhang spielt für mich zum einen das lebenslange Lernen und zum anderen die Haltung der Streitbaren Toleranz eine wichtige Rolle. Im Zentrum steht dabei die Bereitschaft, für die eigenen Wertvorstellungen einzutreten und sie in vernünftigen argumentativen Aushandlungsprozessen zu überprüfen. Ich freue mich deshalb darauf, auch von den Teilnehmenden viel zu lernen.

Wie bereits mehrmals erwähnt, ist für mich das Menschenbild der humanistischen Psychologie nach Abraham Maslow prägend, das besonders in der Klientenzentrierten Gesprächsführung nach Rogers und der Themenzentrierten Interaktion nach Ruth Cohn Gestalt annimmt. Ebenfalls erwähnen möchte ich die ethischen Prinzipien des internationalen Berufsverbands der Sozialen Arbeit. Sie stehen in Verbindung mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von den Vereinten Nationen und haben fünf Grundsätze:

Jeder Mensch hat einen eigenen Wert, das Recht auf Selbstverwirklichung und die Verpflichtung zum Gemeinwohl beizutragen. Jede Gesellschaft sollte ein Höchstmaß an Wohlfahrt produzieren, Sozialarbeitende wie ich sind den Grundsätzen der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet und haben die Verantwortung, fachliches Wissen und Können zu erwerben, um bei der Lösung von Konflikten und ihrer Folgen bestmöglich helfen zu können.

Darüber hinaus bin ich durch die Philosophie des Aikido und des Zen geprägt, die auf ein friedliches Miteinander aller Menschen abzielt. Die Idee des Zen, dass die Magie in der Einfachheit des Lebens versteckt liegt und nicht in der Komplexität, ist für mich auch auf das Schreiben übertragbar. Nach meiner Erfahrung können alle, die die Fertigkeit besitzen zu schreiben, auch schreiben.

Schreibhemmungen und Schreibblockaden entstehen, wo das Geschriebene an die sprachlichen Konzepte der Außenwelt brandet: gut, schlecht, kitschig, langweilig, richtig, falsch. Wir messen unsere Texte daran, was andere von ihnen halten könnten und ob sie den Erwartungen der Außenwelt und unseren eigenen Vorstellungen genügen, dabei sind dies alles nur Maßstäbe, deren Hinterfragen auf Etwas hinweist, das dahinter liegt. Albert Einstein wird wie folgt zitiert: „Ich denke überhaupt sehr selten in Worten. Ein Gedanke kommt und ich kann hinterher versuchen, ihn in Worten auszudrücken.“

Wem also räume ich Macht darüber ein über meine Texte zu werten? Und weshalb? Wie schaffe ich es, mich dadurch nicht zerstören zu lassen sondern im Gegenteil produktiver zu werden? Wir fühlen uns so sehr unter Druck, möglichst zeitnah perfekte Produkte anzufertigen, dass wir im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung schon scheitern, bevor wir überhaupt begonnen haben.

Beim Natürlich Schreiben geht es darum, die Unbeschwertheit im Schreiben wiederfinden und ein mögliches Versagen als natürlichen Bestandteil von Kreativität zu akzeptieren. Auf diese Weise schreiben wir herausragende Texte. Es gilt, zum Einfachen zurückzukehren. Das Konzept Natürlich Schreiben übersetzt diese Erfahrung in eine erlernbare Technik und nutzt hierzu das Kreative Schreiben und die körperliche Bewegung in der Natur. Schreiben wird zu einem Erlebnis.